Erlebnisbericht: Bauhaus in Dessau entdecken

Neues Bauhaus-Museum

Unauffällig schillert dunkles Glas durch die Parkbäume: geradlinig – schnörkellos – modern. So hätten sich Gropius und Gleichgesinnte vielleicht tatsächlich ein Bauhaus-Museum vorgestellt. 100 Jahre nach der Geburt der großen Vision in Weimar feiert Deutschland gleich mit zwei gigantischen Museumsneubauten das Jubiläum von Weltrang. Nach der Klassikerstadt im April öffnete nun Anfang September das Ausstellungshaus in der anhaltischen Metropole seine Pforten.

„Wissen Sie, wir haben ja erst vor drei Wochen begonnen. Da kann es hier und da durchaus noch etwas knirschen im Getriebe“, entgegnet ein freundlicher Mitarbeiter der vorsichtigen Kritik einer Österreicherin, die die geringe Anzahl an Garderobenschränken bemängelt hatte. Wir ergattern gerade das vorletzte freie Kleiderversteck und steigen erwartungsvoll die Betontreppe an Betonwänden entlang hinauf in die große Empfangshalle.

In der Ausstellung des Bauhaus-Museums in Dessau

Ein Eindruck von großer Weite. Zum Einen, weil einfach keine Säulen oder Pfeiler zu sehen sind und zum Anderen, weil an diesem Septembermontag drei Wochen nach der Eröffnung außer uns nur wenige andere Besucher in diesem über 600 Quadratmeter großen Foyer nach Orientierung suchen. Die jungen Architekten des Büros addenda architects aus Barcelona setzten in Dessau einen glasverkleideten schwebenden Betonkubus um, der uns durch seine raffinierte Architektur sehr beeindruckt. In fünf Metern Höhe hängt das tageslichtlose Museum aus Stahlbeton wie eine Brücke auf zwei Betonpfeilern – den Treppenhäusern – über dem Erdgeschoss, der sogenannten Offenen Bühne. Hier sind faktisch grenzenlos Ticketschalter, Café und Shop vereint und gehen in einen Multifunktionssaal mit Amphitheater (teils begehbares Kunstobjekt!) über.

Wir sind froh über den geringen Andrang, denn so müssen wir nicht in einer Stunde durch die Ausstellung hetzen, wie die Besucher an den ersten Tagen nach der Eröffnung. In diesem Punkt läuft es jetzt anscheinend schon rund. Wir genießen die Exposition. Die beeindruckenden Ausstellungsstücke, Originale, Repliken, Kopien – zum Bestaunen, Berühren, Begreifen. Bauhaus eben.

Die Ausstellung macht viel Spaß. Es werden die zahllosen Facetten des Bauhauses dem Besucher nahe, ja zum Glitzern gebracht. Vom modernen Bauen mit praktischer Inneneinrichtung über abstrakte Malerei, Webkunst, Theater, Fotografie bis hin zu Typografie und Buchkunst. Wohl sortiert und auch angenehm präsentiert. Viel Abwechslung. Bauhaus eben. Und dann auch wieder nicht. Wenn man nach einer Weile bemerkt, zu wenig selbst einbezogen zu werden, die Aufforderung zum eigenen Erleben, Experimentieren, Ausprobieren, Sichausprobieren einfach ausbleibt, dann verlässt einen plötzlich dieses Gefühl von Bauhaus. Schade, zumal Interaktivität seit Ende der 1990er Jahre in gefühlt jedes Heimatmuseum einzog. In Dessau beschränkt sich diese im Wesentlichen auf schwere Auszüge mit Bauplänen und Teppichmustern, mehrere obendrein bereits defekt und nicht nutzbar. Knirschen im Getriebe?
Wohl eher ein echter Konstruktionsfehler der Ausstellung ist dann aber doch das komplett fehlende Angebot für Familien, für Kinder. Und man fragt sich verstört: Was eignet sich eigentlich besser für Museumspädagogik, als die verspielten, freizügigen, offenen Ideen der durchgeknallten Bauhäusler?

Trotz dieser Gedanken macht uns die Ausstellung weiterhin Spaß. Wir haben Zeit und nehmen sie uns. Überall warten witzige Details darauf, entdeckt zu werden, finden wir Bekanntes und Unbekanntes auf engem Raum. Der große Kosmos Bauhaus wird auf den 1500 Quadratmetern Ausstellungsfläche umfangreich abgebildet; leider zum Ende hin mit immer weniger Licht. Die kleine Schrift ist auch für junge, noch nicht von Sehschwäche geplagte Menschen kaum noch lesbar. Die Schildchen mit den zweisprachig (deutsch/englisch) verfassten Erläuterungen zu den Exponaten erwarten den Wissbegierigen schießlich auf Kniehöhe (!) in dunklen Ecken – anthrazitfarbene Schrift auf grauem Grund. Mürrisches Gemurmel erfüllt hier den Raum und entlässt uns etwas ratlos ins helle Treppenhaus aus grauem Stahlbeton. Ein Bauhaus-Experiment? Auf jeden Fall ist es immer der letzte Eindruck, der bleibt. Wieder schade.

Bauhaus-Museum, Mies-van-der-Rohe-Platz 1, ÖZ: täglich 10-17 Uhr, Führungen: Mi und Sa 13 Uhr

Bauhaus-Installationen: Zwischen Neuem und Altem Museum

Während wir an der Café-Theke auf unseren wirklich frisch und teilweise per Hand bereiteten americano und latte macciato warten, pflegt der Kellner neben uns mit zwei US-Amerikanern in überraschend akzentfreiem und fließendem Englisch die Kunst der freundlichen Konversation. Überhaupt tänzeln an diesem Morgen viele verschiedene Sprachfetzen durch Café und Shop. Die Welt kommt nach Dessau! Uns empfiehlt die nette Ticketverkäuferin schließlich den schönsten Weg zu den Meisterhäusern: „Gehen Sie am Theater vorbei direkt durch den Bahnhof hindurch.“ Und richtig: Wir haben viel Spaß an den öffentlichen Bauhaus-Installationen, die wiederum dem Kandinskyschen Leitgedanken „Punkt und Linie zu Fläche“ folgen. Vor dem Theater, am Fürst-Leopold-Hotel, auf dem Bahnhofsvorplatz, in der Gleisunterführung, hinter dem Bahnhof…

Die Kunstinstallation am Bahnhofsvorplatz in Dessau

Installation vor dem Bahnhof Dessau

Das Projekt Kunst unter Gleisen in Dessau

Kunst unter den Gleisen

Altes Bauhaus-Museum

Über den (natürlich in Bauhaus-Manier) neu errichteten Campus der Hochschule Anhalt, wo es ebenfalls auf Schritt und Tritt nach Bauhaus „riecht“, erreichen wir das alte Bauhaus-Gebäude (Walter Gropius 1925/26). Hier haben wir heute den Tag begonnen mit einem großen Frühstück im Keller-Café (ÖZ: Mo bis Sa 8-24 Uhr, So 8-18 Uhr). Bereits vor einigen Jahren nahmen wir an einer der täglichen Führungen teil, die durch das geschichtsträchtige Haus geleiten. Das „Erlebnis Bauhaus“ ist hier ein ganz anderes. Im Vordergrund stehen nicht die Exponate wie im Museumsneubau, das Bauwerk selbst spielt hier die Hauptrolle. Wer die Zügel seiner Phantasie lockert, wird bald die vor Ideen sprühenden jungen Leute durch die Flure und Treppenhäuser eilen sehen. Und wenn man das Direktorenzimmer von Walter Gropius ehrfürchtig betritt, schlägt das Herz ein klein wenig schneller.

Bauhaus-Gebäude, Gropiusallee 38, ÖZ: täglich 10-17 Uhr, Führungen: täglich 11 und 14 Uhr, Sa/So zusätzlich 12 und 16 Uhr

Das Bauhaus-Gebäude in Dessau

Altes Bauhaus-Gebäude in Dessau

Meisterhäuser

Rechts flanieren wir nun auf der Gropiusallee bis zu den Sieben Säulen: Am oval langgestreckten „Kreisverkehr“ steht die „Trinkhalle“. Dieser Kiosk wurde 1932 nach den Plänen von Ludwig Mies van der Rohe erbaut und in den 1960er Jahren aus unbekannten Gründen abgerissen. Der Neubau von 2014 orientiert sich stark am Original. Dahinter beginnt die Ebertallee und nach wenigen Schritten in wunderbar grüner Umgebung begrüßen uns die berühmten Meisterhäuser: Einzelhaus Gropius und die Doppelhäuser Moholy-Nagy / Feininger, Muche / Schlemmer und Kandinsky / Klee. Wir haben uns zuerst alles von außen angeschaut und empfehlen, die Häuser in der Reihenfolge Gropius bis Klee nacheinander innen zu besichtigen. Auf diese Art wandelt man aus der Gegenwart auf einem fesselnden Spannungsbogen direkt in die Bauhaus-Zeit. Während der Gropius-Bau und die diesem zugewandte Doppelhaushälfte von Moholy-Nagy Neubauten (2014) des Berliner Architekturbüros Bruno Fioretti Marquez sind, handelt es sich bei den anderen um Originale, die 2018/19 restauriert wurden. Es ist einfach schön und genussvoll, die Häuser heute besichtigen zu können. Allerdings bleibt das Haus Muche / Schlemmer verschämt neugierigen Blicken vorborgen, denn es dient derzeit als Künstlerunterkunft und Atelier. Ein hingeworfener Bretterhaufen mit Nägeln gespickt auf dem Balkon des Erdgeschosses deutet auf kreative bauhäuslerische Arbeit…

Besucherinformation Meisterhäuser (Gropiusbau), Ebertallee 59, ÖZ: täglich 10-17 Uhr, Führungen: täglich 12.30 und 15.30 Uhr, Sa/So zusätzlich 13.30 Uhr

Haus Muche/Schlemmer in Dessau (Bauhaus)

Haus Muche/Schlemmer

Haus Kandinsky/Klee in Dessau (Bauhaus)

Haus Kandinsky/Klee

Haus Gropius in Dessau (Bauhaus)

Haus Gropius

Haus Feininger Moholy/Nagy

Haus Feininger/Moholy-Nagy

Konsumgebäude

Zum Abschluss weisen wir unser Navi an, uns zur Siedlung Törten und damit auch zum Konsumgebäude (Walter Gropius 1928) zu lenken. Wir schlendern durch die am Reißbrett gezogenen Straßenzüge an den einst halbindustriell sozusagen im Feldversuch errichteten neuartigen Wohnhausreihen entlang. Hier und da biegen wir in die liebevoll gestalteten bunt-grünen Gärten ein und bestaunen schließlich noch das hochmodern wirkende, ineinander verschachtelte Konsumgebäude mit seinem durch eine Glasfront komplett geöffneten Flachbau und dem turmartigen Wohnungstrakt.
Ein prima Abschluss des ausgedehnten Bauhaus-Thementages in Dessau!

Besucherinformation im Konsumgebäude, Am Dreieck 1, Ende September 2019 noch Baustelle und geschlossen

Das Konsumgebäude von Walter Gropius in Dessau

Konsumgebäude von Walter Gropius

100 Jahre Bauhaus - Zum Bauhaus-Reisefuehrer

100 Jahre Bauhaus

Web-Special

Mehr zum Thema Bauhaus in Mitteldeutschland finden Sie auf unserer Web-Seite bauhaus-reisefuehrer.de. Viel Spaß beim Stöbern!

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